Der Rhythmus des Kampfes – Warum er für Boxer so wichtig ist!


Rhythmus im Boxsport

Alles im Leben, wie die Atmung, der Herzschlag, aber auch die Wellen, die ans Ufer schlagen, haben ihren Rhythmus und folgen bestimmten Mustern. So ist es auch beim Boxen und bei anderen Kampfsportarten.

Früher war unter Boxtrainern die Meinung weit verbreitet, Rhythmus sei gottgegeben und etwas, das man habe oder nicht habe. Heute geht man davon aus, dass Rhythmus gezielt trainiert und erlernt werden kann.

Wer beim Boxen lernt, seinen eigenen Rhythmus zu kontrollieren und den des Gegners intuitiv zu erkennen und dann gezielt zu brechen, hat einen enormen kämpferischen Vorteil. Das kann so weit gehen, dass der Gegner wie ein völliger Anfänger wirkt.

Der Wechsel von Anspannung und Entspannung, die natürliche Art sich zu bewegen, ist rhythmisch und folgt Gesetzmäßigkeiten. Rhythmus ist aber auch individuell. Während der eine Boxer eher einem langsamen Rhythmus folgt, ist der andere von Natur aus schneller, hektischer, was sich auch in seinem Kampfverhalten widerspiegelt.

Durch die Veränderung des Boxrhythmus wird das Timing und die Distanzkontrolle des Gegners völlig durcheinander gebracht. Er erwartet einen Angriff, der aber zu einem anderen Zeitpunkt als erwartet kommt und ihn völlig unvorbereitet trifft. Selbst wenn er weiß, welcher Schlag kommen wird, kann er den Zeitpunkt nicht richtig einschätzen.

Den Rhythmus zu kontrollieren und nach Belieben anzupassen, ist eine Fähigkeit, die fortgeschrittene Boxer beherrschen. Auch im Profiboxen gibt es nur wenige Meister darin.

Die Auswirkungen eines solchen Kampferlebnisses auf die Psyche können kaum überschätzt werden. Es kann zu einem Gefühl völliger Hilflosigkeit und Unterlegenheit führen. Mein Respekt gilt allen Boxern, die trotz dieser technischen Unterlegenheit weitergekämpft haben. Sie haben, wenn auch nicht unbedingt boxerisches Können, so doch ein sehr großes Kämpferherz bewiesen.

Wie man Rhythmus bzw. Takt als Kampfsportler einsetzen und trainieren kann, erfährst du in diesem Beitrag.

Was ist Rhythmus?

Das Wort Rhythmus beschreibt eine regelmäßige Abfolge von Mustern. Es leitet sich vom griechischen Wort rhythmós („der Fluss“) ab.

Der Begriff „Rhythmus“ beschreibt die regelmäßig wiederkehrende Anordnung von Elementen in einer bestimmten zeitlichen Abfolge. Wir finden ihn in der Sprache, der Musik und in Bewegungsmustern. Diese können gezielt und systematisch wiederholt werden, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Für Boxer ist er außerordentlich wichtig.

Im US-Boxen wird grundsätzlich zwischen dem schnellen „short rythm“ und dem langsameren „long rythm“ unterschieden. Der kurze Rhythmus wirkt hektisch und dient dazu, Druck aufzubauen oder an den Ringseilen oder in der Ecke ein schwerer zu treffendes Ziel zu bieten.

Der langsamere lange Rhythmus wird meist als Basis verwendet, um schnell aus der Bewegung heraus agieren zu können und dem Ausführenden ein schwerer zu treffendes, weil immer in Bewegung befindliches Ziel zu bieten.

Die Pausen zwischen den Schlägen sind nicht weniger wichtig als die Schläge selbst. Die Pausen zwischen den Schlägen, Schritten, Ausweich- und Pendelbewegungen bestimmen den Rhythmus ebenso wie die Techniken und Taktiken des Boxers.

Sie können durch Variation der Bewegungsgeschwindigkeit und der Bewegungslänge beeinflusst werden. Der Rhythmus des Boxens und des Kampfes im Allgemeinen kann also auf verschiedene Weise manipuliert werden.

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte „Stutter Step“, bei dem der Rhythmus der aufeinanderfolgenden Schritte absichtlich unterbrochen wird und der sehr gut mit Jabs kombiniert werden kann.

Gezielter Rhythmuswechsel ist unglaublich schwer einzuschätzen und auf hohem Niveau zu erlernen.

Warum Rhythmus im Boxen so wichtig ist

Als ich das erste Mal meisterlich und ganz bewusst gesetzten unterschiedlichen Rhythmen bzw. Takten im Boxsparring ausgesetzt war, war ich mehr als erschrocken. Mein Timing war völlig gestört und ich war nicht in der Lage, die Art und den Zeitpunkt des kommenden Angriffs auch nur annähernd einzuschätzen.

Wer den Rhythmus im Kampf bestimmt, bestimmt den Kampf!

Selbst wenn es mir mehr oder weniger zufällig gelang, die Art des nächsten Angriffs richtig vorherzusehen, war der Zeitpunkt immer falsch. Entweder war ich noch nicht abwehrbereit oder ich war es schon wieder nicht. Das Gefühl der Unterlegenheit, das sich dann einschleicht, ist fatal.

Zum Trost weiß ich, dass es so manchem Profiboxer im Ring ähnlich ergangen ist. In einem richtigen Boxkampf, nicht in einem lockeren Trainingskampf. Alle großen Boxer haben ihre Kämpfe über die Manipulation von Rhythmus und Takt geführt.

Wer den Rhythmus beherrscht, ihn vorgibt und spontan, der Situation angepasst, ändern kann, stört das Timing, die Koordination und das Gleichgewicht seines Gegners. Er erwischt ihn sozusagen auf dem falschen Fuß.

Siehe Roy Jones Jr., Jersey Joe Walcott und nicht zuletzt Emanuel Augustus.

Ihre Dominanz im Ring beruht neben ihrem boxerischen Talent und ihren athletischen Fähigkeiten auf ihrer Fähigkeit, den Rhythmus zu wechseln und zu ihrem Vorteil zu manipulieren.

Die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Rhythmen zu wechseln, kann gezielt trainiert werden. Die Fähigkeit, sie intuitiv dem Kampfverlauf anzupassen, erfordert viel Training und Erfahrung im Ring.

Rhythmus üben und erlernen im Solotraining und Schattenboxen

Wer lernen will, den Rhythmus im Boxkampf zu kontrollieren und zu seinem Vorteil zu nutzen, muss sich zunächst der Bedeutung dieses Konzepts bewusst werden. Wer das Glück hat, einen Lehrer oder Trainingspartner zu finden, der ihm dies demonstrieren kann, wird so beeindruckt sein, dass ihn dieses Konzept nicht mehr loslässt.

Zum Üben eignen sich Solotraining, freies Schattenboxen und gezieltes Gerätetraining.

Bounce vorwärts und rückwärts

Bei dieser Technik bewegst du dich rhythmisch abwechselnd innerhalb und außerhalb der Schlagdistanz des Gegners. Dabei verlagerst du dein Gewicht minimal um ca. 10 % vom vorderen auf den hinteren Fuß und umgekehrt. Die federnde Vorwärtsbewegung erfolgt durch einen kleinen Schritt mit dem vorderen Fuß, bei der Rückwärtsbewegung ziehst du ihn wieder in die Ausgangsposition zurück.

Die federnden Bewegungen werden so schnell ausgeführt, dass sie für den Gegner nur sehr schwer vorhersehbar sind. Du hast den Vorteil, dass du ständig in Bewegung bist und die muskuläre Vorspannung in den Beinen für blitzschnelle Richtungswechsel nutzen kannst. Du bist ein bewegliches Ziel, das schwer zu treffen und extrem schwer zu timen ist.

Diese Art, in den Rhythmus zu kommen und ihn kämpferisch einzusetzen, eignet sich sehr gut für das Boxen. In den Mixed Martial Arts ist sie etwas riskanter, da der Vorwärtsschritt, vor allem wenn er zu groß ist und in gerader Linie auf den Gegner zugeht, anfälliger für einen Takedown-Versuch macht.

Gewicht verlagern – Rhythmuswechsel ohne Schritte

Eine weitere Möglichkeit, in den Rhythmus zu kommen und ihn zu halten, ist der Wechselschritt. Im Prinzip machst du das Gleiche wie beim In and Out Bounce, nur dass du die Füße auf dem Boden lässt. Beim Wechselschritt verlagerst du nur dein Gewicht im Rhythmus.

Auch beim Wechselschritt kannst du dich, je nachdem wie stark du dein Gewicht verlagerst, innerhalb oder außerhalb der Reichweite deines Gegner bewegen. Und das, ohne einen Schritt oder Step auf ihn zu machen.

Das kann man sehr gut mit einem Partner üben. Beide stehen in Kampfposition und schlagen abwechselnd mit der Führhand zu. Ein schneller Jab ist für die Übung am besten geeignet. Beide Boxer bewegen sich im gleichen Rhythmus. Ziel ist es, nicht getroffen zu werden und durch Gewichtsverlagerung ohne Schritte die Grenzen der eigenen Reichweite auszuloten.

Gewicht nach vorne verlagern – große Reichweite – Gewicht nach hinten verlagern und der Kopf bewegt sich außerhalb der Reichweite des anderen Boxers.

Bei etwa gleich großen Boxern funktioniert das sehr gut, ab einem deutlichen Reichweitenunterschied wird es naturgemäß schwieriger und ab einem gewissen Punkt unrealistisch.

Rhythmische Meidbewegungen mit Kopf und Oberkörper

Die Ausweich- und Pendelbewegungen mit dem Oberkörper können natürlich auch rhythmisch ausgeführt werden. Grundsätzlich kannst du Kopf und Oberkörper in alle Richtungen bewegen. Die einzige Voraussetzung ist, dass du dabei immer im Gleichgewicht bleibst. Auch der Abstand der Füße und ihre Stellung zueinander sollten immer gleich bleiben.

Das ist nicht immer möglich, sollte aber angestrebt werden. Ein zu langer, zu kurzer oder zu breiter Stand wirkt sich negativ auf das eigene Gleichgewicht, aber auch auf die Reichweite der Schläge aus.

Nachdem du im Training einen für dich passenden Grundrhythmus trainiert und verinnerlicht hast, solltest du beginnen, diesen Rhythmus gezielt zu brechen. Dazu kannst du den Bewegungsspielraum des Oberkörpers oder die Bewegungsgeschwindigkeit verändern.

Beginne das Training immer mit kleinen Meidbewegungen, um den Rhythmus zu etablieren. Eine Verschiebung des Kopfes um etwa eine Handschuhbreite reicht aus.

Verändere die Geschwindigkeit in beide Richtungen. Man kann schneller oder langsamer werden. Man kann auch kurz anhalten, um den Rhythmus zu unterbrechen. Das erfordert viel Übung, um im Boxkampf wirklich erfolgreich eingesetzt zu werden, macht dich aber noch unberechenbarer. Deine Bewegungen und Schläge sind noch schwerer vorauszusehen.

Dein Gegner erwartet dich am Punkt Y zum Zeitpunkt X, aber du bist nicht da. Das zerstört sein Timing und macht ihn anfällig für Konter. Wenn er versucht, seine Aktion auf halbem Weg abzubrechen, ist sein Gleichgewicht gefährdet und er gerät in eine verwundbare Position, die ideal für Konter ist.

Rhythmus üben und erlernen an Geräten

Traditionell wird der Rhythmus im Boxen mit verschiedenen Geräten, wie dem Speed- und Doppelendball oder dem Springseil trainiert. Aber auch Einzelübungen wie das sogenannte Bouncen und das Schattenboxen eignen sich sehr gut, um ein Rhythmusgefühl zu entwickeln.

Der Speedball

Der Speedball ermöglicht dem Boxer ein besonders abwechslungsreiches, spielerisches und koordinativ anspruchsvolles Training. Neben der Schulung des Schlagrhythmus werden vor allem die Auge-Hand-Koordination und die Kraftausdauerfähigkeit im Schulter- und Trizepsbereich gefordert.

Der Speedball kann mit einer oder beiden Händen geschlagen werden. Der Krafteinsatz bestimmt die Geschwindigkeit, mit der der Ball in Schwingung versetzt wird, und damit den Rhythmus. Das Gerät hilft dir, deinen Rhythmus zu halten und gezielt zu verändern.

Der Doppelendball

Der Doppelendball ist ein sehr vielseitiges Trainingsgerät für den Boxsport. Mit ihm kannst du Technik, Reflexe, Rhythmus, Schnellkraft und Ausdauer in Verbindung mit deiner Beinarbeit trainieren. Das Training mit dem Doppelendball simuliert einen Boxkampf wie kein anderes und macht viel Spaß.

Einen auf dich zukommenden Doppelendball mit richtig getimten Schlägen zu treffen, ist vor allem am Anfang gar nicht so einfach.

Seilspringen

Seilspringen trainiert nicht nur die Wadenmuskulatur und die Hand-Fuß-Koordination, sondern auch die Fähigkeit, den Takt zu halten und im Rhythmus zu bleiben. Aus gutem Grund ist es aus dem Boxsport nicht mehr wegzudenken. Das Springseil ist ein universelles, preiswertes und kompaktes Trainingsgerät.

Der Slip Bag

Bei der Slip Bag handelt es sich um einen kleinen Ball oder Sack in der Größe eines Tennisballs, der an einem Ende einer Schnur befestigt ist und beim Boxtraining verwendet wird. Er hilft den Boxern, ihre Reflexe, Koordination und Abwehrtechniken durch Meidbewegungen zu verbessern.

https://www.youtube.com/watch?v=8rah-C5q3w0

Das Gerät ist leicht selbst herzustellen und ein kostengünstiges Trainingsgerät, um rhythmische Ausweichbewegungen mit dem Oberkörper zu trainieren. Mike Tyson hat intensiv mit der Slip Bag trainiert.

Beispiele – Rhythmusänderungen in Boxkämpfen

Emanuel Augustus ist wahrscheinlich einer der am wenigsten bekannten Weltklasseboxer des modernen Boxsports. Floyd Mayweather bezeichnete seine Fähigkeiten als „unglaublich“. Und doch kämpfte Augustus wie kein anderer, brach alle Regeln einer guten Boxschule und war damit überaus erfolgreich.

Seine Kämpfe erinnern den Beobachter an Tanzeinlagen. Nicht ganz zu Unrecht. Takt, Rhythmus, Musik, Tanz und Bewegung, auch die eines Boxers, gehören zusammen.

Achte auf den Rhythmus der Bewegungen. Unvorhersehbar, das machte Augustus trotz fehlender Deckung so unglaublich schwer zu treffen.

Fazit – Rhythmus im Boxen

Ziel des Trainings sollte es sein, einen natürlichen, individuellen Grundrhythmus als Boxer zu finden, zu trainieren und zu verinnerlichen. Dies kann am besten durch Solotraining, Gerätetraining und abgesprochene Partnerübungen erreicht werden.

Ein konstanter Rhythmus kann taktisch gezielt eingesetzt werden, um den Gegner einzulullen. Er nimmt deine Bewegungsmuster bewusst und unbewusst auf und passt sich ihnen an.

Darauf aufbauend solltest du gezielt daran arbeiten, deinen Rhythmus immer wieder zu verändern und zu brechen (broken rhythm). Das macht es für deinen Gegner fast unmöglich, deine Aktionen richtig einzuschätzen, dich gezielt zu timen oder zu kontern.

Für dich selbst ergeben sich dadurch viele Angriffsmöglichkeiten. Der gezielte Einsatz von Finten – Täuschungsmanövern – in Verbindung mit Rhythmusbrüchen hebt dein boxerisches Können auf ein neues Level und setzt deinen Gegner psychisch massiv unter Druck.

Lerne, den Rhythmus im Kampf zu beherrschen und den Ton anzugeben. Das ist eine Möglichkeit, auch körperlich überlegene Gegner alt aussehen zu lassen. Dazu muss es aber gezielt trainiert werden.

Im Boxen ist Rhythmus alles, jede Bewegung startet in deinem Herzen.

Sugar Ray Robinson

Tipp: Als Boxer kannst du mit einem Metronom trainieren, indem du deine Aktionen dem Takt des Metronoms anpasst. Durch regelmäßiges Training kannst du so dein Rhythmusgefühl verbessern. Es gibt kostenlose Apps für Handys, die dir dabei helfen.

Viel Spaß beim Training!

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